Tornado segeln ist ja so bissl vintage-segeln. Marström baut keine Boote mehr. Der einzige Bootsbauer der noch welche baut ist in Australien, und einen Mast aus Carbon bekommt man von dem nicht, nur die Plattform.
Also haben wir uns in diesem Vintage Sinne 2021 einen Tornado von 1996 gekauft. Älter als wir beide und mit Sticker von den Spielen von Atlanta war das genau das richtige Stück Segelgeschichte, das es wieder zu beleben galt.
Dass bei so viel Nostalgie die Segelnummer unseres Tornados AUT 995 sein musste - meine Segelnummer im Optimist - war klar.

Nach einer langen seglerischen Pause wollte ich meinen seglerischen Wurzeln näherkommen, ich erinnerte mich aus meiner Kindheit an sehr schöne Tornado Events mit meinem Vater und wollte die Bootsklasse, mit der Christian 1988 bei den Olympischen Spielen gewesen war, besser kennenlernen. Ich wollte die Gefühle und die Momente, die mein Vater aus seiner Segelzeit beschreibt, besser verstehen und nachempfinden. Zusätzlich erinnerte ich mich an meine Opti-, sowie einer kurzen 470er-Zeit mit Angelikas Bruder, Xandi, in der sich Christian immer sehr aufs Material fixierte. Jeder Schekel, der auch nur einen Gramm mehr hatte, wurde ausgetauscht, jeder Block, der nicht aerodynamisch genug war, wurde demontiert. Ich wollte schauen, ob das Urgestein wirklich so viel Ahnung hat, wie er behauptet und der Tornado ist der fairste Test dafür.

Letztes Jahr waren wir bei der WM in Griechenland 10ter. Ein netter Einstieg in die Klasse, aber dieses Jahr wollten wir mehr.

Wir sind eine Woche vorher angereist und haben mit Christian am Motorboot als Trainer 5 Tage lang trainiert. Zwei Tage vor der Regatta konnten wir mit einigen Franzosen angleichen. Die Geschwindigkeit von FRA 2 (den Franzosen die letztendlich zweiter wurden) hat uns beunruhigt. Es wurden hektisch Latten aus Reserve-Segel abgeschnitten und zu weicheren Top-Latten umfunktioniert. Der Spisack musste zu unserem Missmut laut Christian "unbedingt" gegen einen windschlüpfrigeren ausgetauscht werden. Diverse Leinen wurden durch welche mit weniger Durchmesser ersetzt.

Christians Materialfixiertheit war segeln nach der "alten Schule" wie es Kostas Trigonis in einem Gespräch mit uns bezeichnete. In den 80igern und davor sei man immer auf der Suche nach irgendwelchen Material- und Trim- Geheimnissen gewesen und es haben auch tatsächlich die mit den besseren Ideen in diese Richtung gewonnen. Seit dem Internet sei das anders geworden. Jeder habe auf die wichtigsten Informationen Zugriff und es geht vielmehr um Zeit am Wasser und die Mentale Einstellung der Athleten als um irgendwelche Geheimnisse. Genau den von Kostas beschriebenen Konflikt haben wir in unserem Dreierteam ständig erneut ausgetragen. Christian wollte ganze Trainingstage für Boatwork opfern, wir wollten lieber mit den Franzosen angleichen. Montag früh vor dem Start ist uns der Besuch bei der Segelmacherei erspart geblieben, die ja den Spisack hätte umnähen sollen, weil ein netter Australier einen zweiten seiner viel Windschlüpfirgeren Spisäcke dabei hatte. Puh.


Practice Race:

Unser Practice Race fing gut an. Toller Start: wir hatten in der dritten Reihe gewartet, früher angezogen als alle und sind von hinten kommend mit voller Geschwindigkeit an der Linie gewesen. Der Speed war Top und wir konnten den ersten Schlag mit den besten mithalten. Es waren 12kts und dafür relativ hohe Welle. Doch die Wenden haben nicht funktioniert! 5 Tage lang sind wir nur geradeaus gefahren und haben das Boot optimiert schnell in eine Richtung zu fahren. In der Hektik des Rennens stellen wir das Boot bei der ersten Wende komplett ab und das Mittelfeld zieht an uns vorbei. In der dritten Lap des Practice Race kam dann wirklich die Rechnung für das fehlende Manövertraining. Als ich Angelika die Großschot übergebe werfe ich ihr einen Teil davon unabsichtlich über die Pinne. Sie schlägt ein, kann dann aber die Pinne nicht auf das neue Luv mitnehmen. Um ihr zu helfen rutsche ich ins neue Lee, fühle mich dabei viel zu sicher auf dem eigentlich sonst so stabilen Boot und keine Sekunde später liegen wir gekentert mitten im Regattafeld. Did not Finish.

Dass wir den Rest des Nachmittags damit verbracht haben Wenden zu trainieren, ist selbstredend. Ich meine, ich hätte am Ende des Trainings schon die Küste Afrikas gesehen, Angelika hält das nicht für möglich.


Die Races:

In den Rennen wollten wir stets unseren trickreichen Start mit vollem Speed von hinten kommend aus dem Practicerace reproduzieren. Das endete jetzt, wo die Flotte aufgewärmt war, jedes mal in einem Start aus der dritten Reihe. In sieben von acht Rennen waren wir beim Start in der dritten Reihe. Es war zum Mäuse melken. Wir haben es aber, egal ob 4 oder 20 Knoten waren, jedes mal geschafft, uns freizusegeln und sind mit einer total konstanten Serie jeden Tag weiter nach vorne gerückt.

Als Gennaker hatten wir einen ganz alten nehmen müssen, weil der letztes Jahr gekaufte, noch knisternd-frische Gennaker Christian nicht gefallen hat. Die richtige Wahl war der auf jeden Fall. Angelikas Talent auf der Vorwind auf einem Rumpf abwärts zu gleiten, wurde mit dem Gennaker super untermalt und wir haben auf der Vorwind stets nach vorne gewonnen. Aber bereits am ersten Renntag ist der gefühlt 20 Jahre alte Fetzen meiner Muskelkraft beim Bergen erbärmlich erlegen. Dass ich als Antwort auf das Geräusch des Repturvorgangs zehn mal auf den Baum eingeschlagen habe, hat den Gennaker auch nicht wieder ganz gemacht. Wir konnten das Rennen noch auf dem 9ten Platz beenden. Einen Ersatzgennaker der selben Marke konnten wir vom Österreicher Roland Marth noch am selben Tag erstehen. Glück gehabt.

In der Klasse wird bei wenig Wind von den "big boys" immer viel gejammert, dass sie ja nur wegen dem Gewicht so langsam wären. Ein 6ter und 4ter Platz am Starkwindtag mit 15-25kts hat aber auch allen schweren Crews demonstriert, dass man mit uns nicht nur rechnen muss, wenn wenig Wind ist.

Der Vorletzte Tag hat uns wehgetan. Es gab nur ein Rennen und das war schlecht. Wir wollten vom vierten Platz auf das Stockerl aufsteigen. Sind aber in der Früh des Renntages draufgekommen, dass unsere Want gebrochen war. Während alle Boote um uns herum ausliefen, haben wir noch Mast gelegt, Want getauscht, Spannung und Mastfall neu getrimmt und sind als letztes beim Start gewesen. Dementsprechend lief auch das Rennen. Wir kamen nicht in den gewohnten Flow und sind mit einem neunten Platz eher frustriert an Land gekommen.

Am letzten Tag wollten wir dann also nochmal zeigen, was in uns steckt. Dem Weltmeister Kostas haben wir vor dem Rausfahren angekündigt, dass wir heute eine Wettfahrt gewinnen. Der meinte nur "that's the spirit". Ja eh.
8te Wettfahrt: wir waren bereit ENDLICH einen Start in der ersten Reihe zu fahren. Links war nach einem Dreher zwei Minuten vor dem Start total bevorzugt. Der Weltmeister hat sich zum Steuerbordstart bereit gemacht. Wir waren das linkeste Boot des Rest des Feldes. 8 Sekunden zum Start. Der Weltmeister rast auf das Pinend zu, 4kts, alles ist still. Das einzige, was man hört, bin ich der "Starbooaaard" schreit. Vor uns kommt der nicht durch. Endlich ist uns mal ein guter Start gelungen und mit unserem Speed hat es in dieser Wettfahrt zu einem guten zweiten Platz gereicht. Ja, der Weltmeister ist irgendwo Steuerbord auf der Linie durchgekommen und hat nichts anbrennen lassen. Wir waren mit dem zweiten Platz trotzdem sehr zufrieden. Im Ziel meinte der nur "almost". Ja eh. Die am dritten Platz liegenden Australier haben sich in dieser Wettfahrt einen 6ten erlaubt. Jetzt waren wir heiß auf ein letztes Rennen. Noch so ein Ergebnis und wir hätten das Podium in der Gesamtwertung.

Aber der Wind kam nicht mehr. Wir waren zufrieden die amtierenden Jugendweltmeister, die uns letztes jahr um die Ohren gefahren sind, bezwungen zu haben und der zweite Platz in der Mixed Wertung macht uns natürlich auch stolz. Wer weiß was nächstes Jahr noch geht?

Wenn jemand in Österreich Lust hat, auch auf dem 911er Äquivalent des Wassers rennen zu fahren, der kann sich gern bei Calvin (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) melden. Ich unterstütze bei der Suche eines Boots und diversen anderen Challenges beim Einstieg in die Klasse.

Wir bedanken uns recht herzlich bei Christian für das herausragende Training und das ausspionieren aller Tricks der Konkurrenz sowie für die richtige Latten und Segelwahl. Natürlich auch beim gesamten Yacht Club Podersdorf für die Bereitstellung des Motorboots. Und bei der Tornadoklasse für die herzliche Aufnahme in die Community- wobei wir uns letztes Jahr mehr Freunde gemacht haben als dieses ;)
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